Frauenpraxis in der psychologischen Praxis Karl Aschwanden

Das Private ist politisch
(Leitspruch der neuen Frauenbewegung nach 1968)

20 Jahre nach Eröffnung der ersten Beratungsstellen für Frauen in der Schweiz und 10 Jahre nach der Verankerung des Gleichberechtigungsartikels in der Schweizerischen Bundesverfassung (Artikel 4, Absatz 2 BV) gibt es im Kanton Uri keine Beratungsstelle, die sich systematisch mit frauenspezifischen Fragen befasst, von Frauen geleitet wird, Frauen vernetzt und Unterstützungsangebote für Frauen an biografischen Orientierungspunkten , in schwierigen Lebensumständen oder Notsituationen anbietet.

Als politisch bewegter Mann und Mitglied der Arbeitsgruppe „Männer-Manifest für die Gleichstellung von Frau und Mann“ (Juni 1991) initiierte ich die Frauenpraxis als meine persönliche solidarische konkrete Umsetzung der im Manifest formulierten Anliegen in meinem eigenen aktuellen Arbeitskontext und als stimmige Ergänzung.

Die Frauenpraxis als ein spezielles Angebot meiner psychologischen Praxis wurde zum Organisationsentwicklungsprojekt sowohl für meine Praxis als auch für den Kanton Uri.

Den Kolleginnen des Frauenpraxisteams stand die speziell für dieses Angebot erweiterte Infrastruktur meiner Praxis zur Verfügung. Die Mitarbeiterinnen verpflichteten sich für Austausch, Zusammenarbeit und Entwicklungsarbeit an regelmässigen Teamsitzungen und –während der Versuchsphase bis Ende 92- an drei Mitarbeiterinnenkonferenzen.

Sie konnten während zwei Jahren die fachliche Begleitung eines Beraterinnenteams in Anspruch nehmen.

Im Kanton Uri bestand zu diesem Zeitpunkt eine Ehe- und Familienberatungsstelle, die vom Kinder- und Familienhilfswerk Uri gegründet worden war und vom Kanton unterstützt wurde. Das Beratungsangebot der Frauenpraxis als von der Öffentlichkeit unabhängige und vollumfänglich von Frauen geleitete Stelle war für viele Urnerinnen eine willkommene Alternative. Mit ihren frauenspezifischen Weiterbildungsangeboten betrat die Frauenpraxis in unserer Region Neuland.

Im politischen Umfeld wurde der innert kurzer Zeit nachgewiesene Bedarf an den Angeboten der Frauenpraxis nicht wahrgenommen oder bewusst negiert. Die wiederholten Bitten um finanzielle Unterstützung wurden von den Gemeinden und dem Kanton unter Verweis auf die Ehe- und Familienberatungsstelle und mit dem Argument, dass Private nicht unterstützt werden könnten, abgelehnt.

Es bedurfte der Gründung eines Vereins durch den Kreis der Gönnerinnen und Gönner der Frauenpraxis, um Unterstützung zu erhalten. Seit 1995 führt der Verein Frauenpraxis Uri die Frauenpraxis erfolgreich weiter.
Nach dem ersten erfolgreichen Vereinsjahr negierte der Vorstand des Vereins Frauenpraxis öffentlich die (gender-)politisch motivierte und deklarierte Gründungsgeschichte der Frauenpraxis und damit ihre geschichtliche Verortung als linkes Projekt.

Dass die Frauenpraxis heute noch existiert und erfolgreich arbeitet, ruft deshalb Freude und Wehmut hervor: Für die Urner Frauen ist dank meiner Initiative und Investitionen ein nachhaltiges Angebot mit einer breiten Anerkennung und Abstützung entstanden, als Bestandteil meiner privaten Praxis und als „linkes“ Projekt konnte es nur dank hoher eigener finanzieller Investitionen initiiert werden und war leider längerfristig wirtschaftlich nicht tragbar. Heute wird die Frauenpraxis als etabliertes Angebot wahrgenommen. Die Geschichte, und der Kampf um diese Institution, auf die niemand mehr verzichten möchte, sind den meisten Klientinnen, aber auch den Urner Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr bekannt.



Chronologie Frauenpraxis mit Zeitdokumenten